Veranstaltung:
Dr. Kristina Wuss, Berlin / Riga (Vortrag mit Live-Musik)
„Triangle Riga - Bayreuth - Venedig“
Der Traum von Quarkkäulchen und GesamtKunstWerk-Lagune
Hansahaus, Briennerstr. 39
Samstag 12.12.2026 - 19:00 Uhr
Wo beginnt Bayreuth? Die Antwort führt weit in den Norden - an die Ostsee, in ein kleines Theaterhaus der Rigaer Altstadt, in dem ein junger, verschuldeter Kapellmeister zwei entscheidende Jahre seines Lebens verbrachte.
1837 kam der vierundzwanzigjährige Richard Wagner als Kapellmeister an das Rigaer Stadttheater, das 1782 auf Initiative des baltendeutschen Mäzens Otto Hermann von Vietinghoff nach Plänen des Architekten Christoph Haberland errichtet worden war - das erste feste Theaterhaus des Baltikums. Der Saal fasste kaum mehr als 500 Zuschauer, und Wagner selbst beschrieb ihn später als eng und alles andere als prachtvoll. Genau dieser Raum aber hielt drei Eigenheiten bereit, die er nie wieder vergessen sollte: das steil und amphitheatralisch ansteigende Zuschauerrund, den tief liegenden, dem Blick entzogenen Orchesterraum und das Halbdunkel im Saal während der Vorstellung.
Was in Riga der Enge und dem Zufall geschuldet war, machte Wagner knapp vierzig Jahre später zum Programm. Im 1876 eröffneten Bayreuther Festspielhaus sind alle drei Elemente zum ersten Mal bewusst und konsequent zusammengeführt: der ansteigende Zuschauerraum ohne Ränge und Logen, der verdeckte „mystische Abgrund“ des Orchestergrabens, der abgedunkelte Saal, der die Aufmerksamkeit ungeteilt auf die Bühne lenkt. Wagners Bayreuther Reform - bis heute Vorbild nahezu jedes modernen Theaterbaus - beginnt damit nicht am Grünen Hügel, sondern als Raumerfahrung eines jungen Mannes in Riga.
Kristina Wuss verfolgt diese Linie anhand von Bauplänen, Bildern und Quellen und führt den Bogen weiter bis nach Venedig: dorthin, wo Wagners Leben 1883 im Palazzo Vendramin endete - und wo 2025 das Modell des derzeit restaurierten Rigaer Wagner-Theaters öffentlich vorgestellt wurde. Das Haus, in dem alles begann, soll 2028 wiedereröffnet werden. So schließt sich ein Dreieck, das die Referentin als Riga - Bayreuth - Venedig - Riga beschreibt.
Die Referentin kennt beide Enden dieser Achse aus eigener Arbeit: Kristina Wuss hat an der Lettischen Nationaloper Riga wie auch im historischen Wagner-Theater selbst inszeniert und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der deutsch-baltischen Musik- und Theatergeschichte.
Dr. Kristina Wuss, in Potsdam aufgewachsen, absolvierte an der Hochschule
für Musik „Hanns Eisler“ Berlin das Konzertexamen Klavier in der Klasse von Prof. Annerose Schmidt sowie die
Studiengänge Regie und Medienregie. Sie ist promovierte Musikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Theater, Absolventin
der Akademie Musiktheater Heute der Deutsche Bank Stiftung sowie des ersten Jahrgangs „Theater- und Musikmanagement“
der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Als Regisseurin und Dramaturgin arbeitet Kristina Wuss u.a. zwischen Berlin, Riga und München, wo allein 44 Produktionen entstanden. In Lettland inszenierte sie elf Neuproduktionen, darunter „Alcina“ und „Don Giovanni“ an der Lettischen Nationaloper Riga, die mit dem Großen Musikpreis bzw. dem Großen Theaterpreis Lettlands ausgezeichnet wurden und u. a. beim Hong Kong Arts Festival und Teatro Caldéron Valladolid gastierten. Sie gehört zu den ersten Förderpreisträgern des Internationalen Regiewettbewerbs des Wagner Forums Graz („Rheingold“). 2019 erschien mit ihrer „Rusalka“ an der Opera Nova Bydgoszcz die erste Opern-Blu-ray Polens; ihre „Hamlets“ an der Lettischen Nationaloper wurde im Jahrbuch OPERNWELT 2022 als „Wiederentdeckung“ nominiert.
Zum 240-jährigen Jubiläum des Rigaer Stadttheaters inszenierte sie 2022 im historischen Wagner-Theater in Riga das Musiktheaterstück „Gesang, Gesang und abermals Gesang“ über Wagners Rigaer Jahre. Mit Unterstützung der Kulturstaatsministerin erschien im Isensee Verlag Oldenburg ihr Fachbuch „Verwobene Kulturen im Baltikum. Zwei Musikgeschichten in Lettland von 1700 bis 1945“ sowie die von ihr illustrierte Festschrift des Dramas „Das goldene Ross“ des lettischen Nationaldichters Rainis, welches sich als Opernlibretto in besonderer Beziehung zum „Ring“ wiederfindet.